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Von Muck, dem Laternenmann
Muck's Gesicht war schon voller Falten und seine Schritte langsam geworden in all den Jahren, die ihn seine Füsse durch die Welt getragen hatten. Vieles hatte er gesehen, was die Menschen taten, gehört, was sie beschäftigte und erahnt, was ihre Herzen verdunkelte und erfreute.
Jetzt wanderte er durch die Strassen seiner Stadt. In seiner Hand trug er einen langen Stock, der an der Spitze ein Metallhütchen und einen Docht hatte.
Muck's Aufgabe war es, bei Beginn der Dämmerung die Laternen, die längs der Strasse standen, anzuzünden. Das war eine wichtige Aufgabe, denn so erinnerten sich die Menschen der Stadt an das Licht, wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war. Wenn alle Menschen schliefen und die Lichter leuchteten, legte sich eine sanfte Stille über die Stadt. Nur die Schritte von Muck's schweren Schuhen, die auf dem Asphalt auftraten, waren zu hören. Die Sterne am Himmel funkelten, aber wegen der vielen Lampen konnte man sie nicht so gut sehen. Bevor die Sonne aufging, löschte er alle Lichter. Muck machte seine Aufgabe sehr zuverlässig.
Eines Abends nun, als es in den Strassen bereits still war und Muck begann, die Lichter anzuzünden, passierte etwas Eigenartiges. Das erste Licht, das Muck anzündete, leuchtete seltsam rot-orange. Muck staunte über dieses schöne Licht. So eines sah er zum ersten Mal. Am nächsten Abend waren bereits zwei der Lichter rot-orange. Muck freute sich darüber, konnte sich das aber nicht erklären. Am Abend danach waren drei Lichter rot-orange. So ging das weiter, bis eines Tages alle Lichter rot-orange waren. Die ganze Stadt war in dieses samtene rot-orange Licht gehüllt.
An diesem Abend begegnete er seinem Freund LuLux. LuLux war ein Glühwürmchen und Spezialist in Lichttechnik. Heute leuchtete er in blau-weiss.
Muck fragte LuLux: 'Hast Du eine Ahnung, wieso meine Laternen rot-orange leuchten?'
LuLux sagte: 'Genaues weiss ich nicht, du weisst, ich kann nicht lesen. Aber vor langer Zeit, als ich einmal einem Gelehrten sein grosses Buch beleuchtete, damit er nachts schreiben konnte, hat er mir erzählt, dass die Zeit zurückkommen wird, wo die Menschen in Frieden miteinander leben werden und dass sich diese Zeit mit einem andersfarbigen Licht ankündigen wird.
Muck staunte: 'Du meinst, dieses Licht ist ein Zeichen?'
'Nun ja, wie gesagt, Genaues weiss ich nicht', sagte LuLux, 'dazu müsstest Du schon den Gelehrten selber fragen.'
Muck wurde etwas aufgeregt und sein Herz klopfte etwas schneller, als er LuLuux noch fragte: 'Weisst du, wo ich diesen Gelehrten finde?'
LuLux sagte: ' Hm... damals, als ich ihn getroffen hatte, war er noch diesseits, jetzt ist er jenseits. Wer ihn treffen will, der muss ganz aus sich leuchten, damit er mit ihm reden kann.'
Muck staunte noch ein bisschen mehr. 'Und wie kann ich ihn treffen? Ich kann doch nicht leuchten wie Du!'
'Nun, der Gelehrte ist schon noch auf dieser Welt, nur nicht mehr von dieser Welt,' sagte LuLux. 'Ich denke, wenn Du dich in dein rot-oranges Licht stellst bis Du selbst das rot-orange Licht bist, dann kannst du leicht mit ihm reden. Schliesslich machst DU doch diese bunten Lichter.' Irgendwie leuchtete das Muck ein, auch wenn er es überhaupt nicht verstand. Trotzdem stellte er sich unter eine seiner leuchtenden Laternen . Muck spürte das rote Licht, das ihn durch und durch wärmte. Ein wenig wurde ihm schwindlig dabei und er schloss die Augen. Und da begann sich alles zu drehen und in seinen Ohren rauschte es. Obwohl Muck die Augen geschlossen hielt, konnte er sehen. Zuerst bunte Farben, die wie Kreise aus dem Nichts entstanden, immer grösser werdend. Muck fühlte sich federleicht schwebend. Aus diesen bunten Mustern aus Farben hörte er Klänge, tiefe und hell klingende. Sie erinnerten Muck an etwas, das er nicht benennen konnte.
Und dann stand er vor ihm, der Gelehrte. Mit leuchtend blauen Augen und weissem Bart. 'Hallo Muck, schön dich zu sehen.'
'Du kennst mich?' Muck war erstaunt und gleichzeitig wusste er um die gemeinsamen Erlebnisse mit dem Gelehrten.
Die beiden schauten sich wissend erkennend in die Augen.
Muck schob das Wissende, das in ihm hoch kam, etwas weg, denn darin spürte er die Antwort auf seine Frage selbst. Er schenkte seiner Unsicherheit Platz und sagte: 'Ich muss dich etwas ganz Wichtiges fragen!'
'Nur zu, mein Freund,' sagte der Gelehrte.
'Sind meine rot-orangen Lichter, die jeden Tag mehr auftauchen, die Boten für eine friedvolle Zeit auf der Erde?'
Der Gelehrte lächelte. 'Immer wenn die Sonne im Zeichen Schütze steht, sind die Fakelträger auf der Erde sichtbar in ihren Werken. Die Fakelträger, so wie du einer bist, erinnern die Menschen an das Licht in ihrem eigenen Herzen. Leider vergessen viele, ihr Herzenslicht weiter leuchten zu lassen und wenn ihre Flamme klein wird, meinen sie ganz zu vergessen. Aber dem ist nicht so, Herzenslichter gehen nie ganz aus, denn Gott selbst hat sie angezündet.
Muck überlegte: 'Was haben die Herzenslichter mit friedvoller Zeit zu tun?'
'Ganz einfach, ein Mensch, der seine Augen und Ohren mit dem Herzenslicht färbt, wird ein fried- und freudvolles Leben bevorzugen und selber bunte Lichter machen.
'Und du meinst, jeder Mensch kann das, bunte Lichter zaubern?' fragte Muck verwundert.
‘Ja, jeder Mensch kann das, sobald er deine rot-orangen Lichter spürt und ihnen folgt. Bloss, es ist nicht ganz einfach, deine Lichter zu finden, denn der Mensch macht sich den Weg zu den Lichtern nicht einfach und es braucht viel Mut dazu. Du bist übrigens nicht von ihrer Welt. Hast du das nicht bemerkt?'
Muck hatte das nicht gewusst, aber sehr wohl bemerkt, wie wohl er sich mit dem Gelehrten fühlte.
'Wie Zuhause,' hörte er sich denken und fand sich unmittelbar an diesen Gedanken wieder unter seiner rot-orange-leuchtenden Laterne. Ein stilles Glücksgefühl machte sich in seinem Herzen breit und gleichzeitig dieses brennende Heimweh, das er so gut kannte, und bisher nicht einordnen konnte.
'Hast du den Gelehrten gefunden?' LuLux hatte auf Muck's Rückkehr gewartet. LuLux war ein sehr neugieriges Glühwürmchen.
'Ja!' sagte Muck. 'Er ist ziemlich allein jenseits.'
'Jenseits ist relativ, es kommt auf die Ausgangslage an,' meinte LuLux gelassen.
'Ich habe mich vom Gelehrten gar nicht verabschiedet. Ich war plötzlich wieder da!' sagte Muck erschrocken.
'Hm... das kommt daher, dass du dich in dein Heimweh hast sinken lassen. Dann bist du schnell wieder hier.' LuLux grinste und wusste. 'Aber jetzt kennst du den Weg ja hin und zurück.'
'Oh!' In Muck leuchteten tausend Lampen gleichzeitig.
'Ja, ja, man muss im Dunkeln suchen, um das Licht zu finden,' murmelte LuLux noch, 'das wissen nur wenige, und noch weniger glauben es,' und er rollte sich weg ins dunkle Gras. Und dabei liess er sein weiss-blaues Licht leuchten.
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